Interessant stukje waarom de Mc Laren MP4/19 zo slecht presteert:
Formel 1
Defekte sind beim Pannen-Pfeil programmiert
Von Hermann Renner
14. April 2004 Die Formel-1-Gemeinde staunt. Auto-Deutschland ist besorgt. Der einstige Rennfahrer Hans Herrmann schämt sich. McLaren-Mercedes blamiert sich mit einer Pannenserie. Und wenn die silbernen Autos mal die Zielflagge sehen, sind sie noch nicht einmal schnell. Die WM-Tabelle gibt ungeschminkt den Stand der Dinge wieder. McLaren rangiert hinter Ferrari, Renault, Williams-BMW und BAR-Honda mit kümmerlichen vier Punkten auf Platz fünf.
Seit Kimi Räikkönens Silberpfeil sich in Bahrein fotogen als Flammenwerfer in Szene setzte, spielt eine ganze Nation Bundestrainer. Woran kann es nur liegen, daß die Champions von 1998 und 1999 und die Beinahe-Weltmeister des Vorjahres auf der Kriechspur fahren? Warum gab es vier Ausfälle in drei Rennen? Ist Besserung in Sicht, und wann? Viele Fragen, noch mehr Spekulationen, aber wenig Antworten.
„Das Auto war für 2003 konzipiert“
Die Anfälligkeit des McLaren MP4-19 sollte niemanden verwundern, der die Vorgeschichte dieses Autos kennt. 60 Prozent der Komponenten wurden vom Vorgänger MP4-18 übernommen. Der trat nie zu einem Grand Prix an, weil er schon beim Testen keine Renndistanz geschafft hatte. Ferrari-Technikchef Ross Brawn urteilt: "Das Auto war für 2003 konzipiert und ist damit jetzt ein Jahr alt." Nach Formel- 1-Maßstäben also ein Ladenhüter.
Da McLaren den zweiten Aufguß des Museumswagens aus politischen Gründen so früh wie möglich auf die Teststrecke schicken wollte, blieb kaum Zeit, die Mängel der Urversion zu beheben. Die da waren: Ein viel zu kompaktes Heck mit schlechten Kühlwerten und Wärmeabfuhrdaten für den Motor. Zu filigrane Radträger, die nur begrenzt Platz für die Bremskühlung bieten. Ein fragiles Chassis, das verstärkt werden mußte, um den Crashtest zu bestehen. Die Nachbesserungen schlugen im Gewicht zu Buche. Die Waage zeigte plötzlich 15 Kilogramm mehr an. 15 Kilogramm weniger Spielraum, um Ballast dort zu plazieren, wo man ihn haben will.
Qualvolle Enge im Heck
Trotz der Umbauten herrscht im Heck des MP4-19 immer noch qualvolle Enge. Der Hitzestau, der dabei entsteht, ist einer der Gründe, warum das neue Kohlefasergehäuse des Getriebes weiter ein Versuchsträger bleibt. Die Karbonlagen delaminieren bei Temperaturen jenseits von 120 Grad. Im Zusammenspiel mit den Vibrationen, die ein Motor heute bei 18.500 Umdrehungen entwickelt, sind Defekte am Triebwerk selbst und in seiner Peripherie programmiert. Die Tatsache, daß immer neue Probleme auftreten und nicht jedes Mal der gleiche Schaden, beweist, daß der Teufel im Konzept steckt.
Der Mercedes-V10 ist auch nicht so zuverlässig, wie er sollte. Das zeigt sich schon daran, daß die McLaren-Mercedes im Training weniger Runden drehen als die Konkurrenz. Dafür wird die Drehzahl in den Freien Trainingsphasen nur um 300 Umdrehungen pro Minute reduziert. Andere lassen aus Sicherheitsgründen bis zu 1000 Umdrehungen nach. In der Testphase traten Risse im Motorblock auf, doch diese Baustelle wurde nach Angaben von Konstrukteur Mario Illien noch vor Saisonbeginn geschlossen.
Viel zu komplizierte Aerodynamik
Dem McLaren fehlt es zu allem Überfluß auch noch an Speed. Die Aerodynamik ist viel zu kompliziert und funktioniert nur im Windkanal im Sinne seiner Erfinder. Weicht der Wagenkörper von der Idealposition ab, bricht der Anpreßdruck abrupt zusammen. Um die Fahrzeugbewegungen so gering wie möglich zu halten, muß das Fahrwerk auf hart getrimmt werden. Das erklärt, warum die silbernen Autos in schnellen Kurven konkurrenzfähig sind, in langsamen Ecken aber Zeit verlieren. Dort ist ein komfortabel abgestimmtes Fahrwerk gefragt.
Die Hinterachse ist eine Notlösung. Das Leichtgewichtgetriebe aus Aluminium läßt nur bestimmte Anlenkpunkte zu. Leider nicht solche, die im Sinne einer optimalen Geometrie erwünscht wären. Eine Modifikation soll bis Imola Besserung bringen. Die Fahrer hoffen, daß dann ihre Reifen schneller auf Betriebstemperatur kommen. "Im Dauerlauf", verrät David Coulthard, "sind wir gar nicht so schlecht. Wir kommen nur in der ersten Runde nicht auf Zeit." Die Strafe sind schlechte Startplätze.
Neues Auto in Hockenheim
Auch bei den Bremsen zahlen die Ingenieure für ihren Extremismus. Man muß wegen hoher Temperaturen auf ein Scheibenmaterial aus Frankreich zurückgreifen. Die halten zwar lange, reagieren aber kapriziös auf Temperaturschwankungen. Man braucht schon wie Williams jahrelange Erfahrung mit diesem Hersteller, um ein gutmütiges Bremsverhalten darzustellen.
Wie wenig McLaren trotz aller gegenteiligen Beteuerungen an dieses Auto glaubt, zeigt der Plan, Ende Juli in Hockenheim ein völlig neues Auto zu präsentieren. Eine kritische Stimme aus dem Team gibt sich skeptisch: "Hoffentlich wissen die Ingenieure, was sie beim MP4-19 falsch gemacht haben. Sonst geht es in dem Stil weiter."
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.04.2004 / Nr. 88
Bildmaterial: dpa/dpaweb